Hinauf, hinauf und weiter hinauf fahren wir! (18. Jan. – 14. Feb.)

Posted by on Apr 18 2007 | Deutsch

Mutter Theresas Schwester

Nur ein einziges mal haben wir uns auf dem Weg hinaus aus Guadalajara verfahren. Sobald wir die Schnellstrasse erreicht hatten, war alles okay. Der Verkehr war Wahnsinn und die Luft geschwängert von Abgasen. Das Atmen tat in Nase und Kehle weh, die Augen brannten und wegen des Lärms konnten wir uns nicht mal unterhalten. Endlich nach etwa 40 km konnten wir wieder durchatmen. Als wir zurückblickten, sahen wir eine braune Smogglocke über der Stadt.

Francesca, eine über siebzig Jahre alte kosmopolitische Frau erzählte uns, dass man vor 4o Jahren noch die Berge rings um die damals noch Kleinstadt Guadalajara sehen konnte. Francesca wurde in Indonesien geboren und wuchs in den Niederlanden und in der Schweiz auf. Sie lebte unter anderem in Mexiko und den USA. Momentan lebt sie drei Monate im Jahr in Guadalajara und arbeitet hier mit den Straßenkindern. Danach verbringt sie drei Monate in der Nähe von San Francisco, um zu meditieren und neue Energie zu tanken, um erneut drei Monate mit den Straßenkindern zu arbeiten. Die restlichen drei Monate des Jahres verbringt sie immer in der Schweiz. Diese charismatische alte Lady hat einst gemeinsam mit Mutter Theresa gearbeitet und führt diese Arbeit jetzt auf ihre eigene Art fort. Sie hat “ihre” Kinder, denen sie versucht lesen und schreiben beizubringen, so dass sie in der Schule Anschluss finden. Manche, so sagt sie, brauchen einfach nur etwas Aufmerksamkeit, ihnen etwas beizubringen, ist nicht mehr möglich. Sie können sich nicht mehr konzentrieren, in ihrem kurzen Leben haben sie zuviel Missbrauch erlebt. Also hört Francesca ihnen zu, kämmt ihnen die Haare, badet sie und ist einfach da für diese Kinder. Kinder, die auf der Strasse ausgesetzt werden, weil ihre Familien kein Geld für ein weiteres Kind haben. Manche werden geraubt und zur Prostitution gezwungen und später ausgesetzt. Manche sind Waisenkinder, für die keiner verantwortlich sein will.

Wir bekommen viele Geschenke

Ein Freund hatte uns die Adresse eines kanadischen Ehepaares gegeben, Rhoda und Jim, die in Ajicic am Chapalasee leben. Bei ihnen konnten wir zwei Tage bleiben. Rhoda kochte zwei leckere Abendessen für uns. Nach wochenlang gekochtem Gemüse, aßen wir endlich mal wieder frischen Salat. Für Chan hatte Rhoda, die selbst Oma ist, besondere Leckereien parat und Seifenblasen in einer Flasche, die wie ein Frosch geformt ist. Diese liebt er ganz besonders. Die Gegend um Chapala ist dafür bekannt, dass sie das Territorium der US- Amerikaner ist. Tatsächlich hatte es den Anschein, als ob in der Stadt mehr Gringos als Mexikaner anzutreffen sind. Jim empfahl uns die Strecke um den See herum wegen der schönen Aussicht und des geringeren Verkehrs. Für uns bedeutete das, das wir zunächst einen halben Tag westwärts, anstatt in Richtung Osten fuhren. Und es gab einen über 10km langen FAHRRADWEG!!

Die südliche Seeseite war absolut untouristisch. Entlang der Küste schlängelten sich kleine Bauern und Fischerdörfer. Die ersten Felder, an denen wir vorbeifuhren waren Himbeerfelder, die Sträucher hingen voller Beeren und das mitten im Winter. Es folgten Zwiebel-, Mais-, Kürbis- und Jalapeñofelder. Das Wasser für die Felder kommt vom See, der auch als Reservoir für Guadalajara und die anderen Gemeinden rund um den See dient. Die Fahrtroute war hügelig, aber leicht zu bewältigen, am späten Abend suchten wir nach einer Zeltmöglichkeit. In einer kleinen Stadt wurde uns empfohlen, direkt auf der Plaza die Nacht zu verbringen. Irgendwie fühlten wir uns dort etwas ausgestellt, und so fragten wir eine Mutter, die vorbeikam, ob sie nicht einen besseren Platz wüsste. Unterdessen begann Chan mit ihren Kindern zu spielen. Die Frau meinte, wir könnten in ihres Schwagers Haus übernachten, der zur Zeit in den USA weilt. Allerdings wollte sie zuvor seine Verwandten um Erlaubnis fragen. Sie schickte ihren Ehemann los, seinen Vater zu fragen und wir unterhielten uns unterdessen. Später brachte sie uns Suppe und Tortillas. Wir warteten auf die Rückkehr ihres Mannes, inzwischen war die Dunkelheit längst hereingebrochen. Es wurde langsam spät, Chan war hungrig und müde. Also kochten wir Abendbrot, die Frau versicherte uns, ihr Mann würde innerhalb einer Stunde zurückkommen. Gegen 22 Uhr war unsere Geduld erschöpft. Endlich führte sie uns zu dem Haus. Wir freuten uns, endlich auszupacken. Als das Zelt stand, tauchte der Mann und sein Vater auf, um die Haustür aufzusperren. Sie empfahlen uns wegen der Skorpione im Haus zuschlafen. Also, bereiteten Chan und ich unser Schlaflager im Haus, während der arme Flo das Zelt wieder einpacken durfte. Am Morgen brachte uns die Frau noch Tortillas und Rührei.

Bisher war die Route um den See ziemlich flach verlaufen, aber nun bog sie vom Ufer ab und führte etwa 5 km bergan in die Hügel. Wir benötigten eine Stunde. Der Weg wieder bergab war 10 km lang, dafür benötigten wir 10 Minuten! In dieser Nacht schlugen wir unser Zelt auf dem eingezäunten Parkplatz eines Familienrestaurants auf. Wieder mal hatte Chan einen Spielkameraden in seinem Alter und wir bekamen köstliches süßes Brot als Dessert. Als Gegenleistung reparierten wir das Fahrrad der Tochter, mit dem sie immer zur Schule fährt. Flo und ich erwachten von dem Geräusch der Regentropfen, die auf die Zeltplane platschten. Wir schliefen wieder ein, aber jedes Mal, wenn wir aufwachten, war das Geräusch noch da. Also, mussten wir aufstehen und unser Gepäck umpacken. Unsere Regenkleidung hatten wir auf dieser Reise bisher noch nicht gebraucht. Chan war der einzige, der sich über den Regen freute. Eingepackt in Regenhosen, Stiefel und Regenjacke lies er sein hölzernes Segelboot voller Freude in den Pfützen schwimmen. Es brauchte eine ganze Weile, bis wir alles regendicht verstaut hatten. Zum Abschied kam die Restaurantbesitzerin und brachte uns heißen Zitronentee und Granola Riegel für Chan.

Es regnete den ganzen Tag, am frühen Nachmittag waren Flo und ich völlig durchweicht, so schwitzten wir unter der Regenkleidung. Chan saß sicher und warm in seinem wetterfesten Anhänger. Wir mussten uns entscheiden, ob wir in der nächsten größeren Stadt bleiben wollten oder auf die Schnellstrasse fahren, um noch ein paar Kilometer mehr zurückzulegen. Wir entschieden uns für die erste Möglichkeit und suchten nach einem Hotel. Das erste was wir fanden, sah ziemlich nobel aus, Flo fragte trotzdem nach dem Preis. Wir bezahlten 28$ pro Nacht, in einem Hotel, das aussah, als hätte es mindestens vier Sterne. Unser Zimmer war riesig, mit Fernseher und einer großen Badewanne. Wir drehten den Wasserhahn auf, um die Wanne vollzulassen, aber es kam kein Wasser raus. Das Wasser war abgedreht, weil an einer Seite des Hotels angebaut wurde. Am Abend gab es dann wieder heißes Wasser und wir nahmen eine ausgiebige Dusche, Chan spielte mit seinen Eimerchen in der Wanne.

Am Morgen war alles wieder trocken und wir fuhren auf dem guten Seitenstreifen der Schnellstrasse weiter, nur noch ein paar Pfützen waren auf den Strassen. Unser Ziel war das Hochplateau von Michoacan, der Weg dorthin führte fast nur bergauf. Am Mauthäuschen legten wir eine Mittagspause ein und jemand gab uns eine Süßigkeit aus Guaven und einen Kokoskuchen. Ein Rotkreuz Mitarbeiter gab uns zwei Flaschen Energiedrinks. Die Nacht verbrachten wir unter dem Dach einer im Bau befindlichen Tequilladestillerie. Für diese Unterkunft waren wir sehr dankbar, denn kaum, dass wir die Fahrräder darunter geschoben hatten, begann es wieder zu regnen. Es regnete wieder die ganze Nacht, hörte aber glücklicherweise kurz bevor wir weiterfuhren auf. An diesem Tag hatten wir zum ersten Mal auf dieser Reise eine Steigung auf 2000m Höhe zu bewältigen, und das gleich zweimal. Die Energydrinks kamen uns nun zugute, immer wieder mussten wir kurze Verschnaufpausen einlegen, um uns zu erholen. Kurz bevor die nächste Regenfront kam, erreichten wir eine weitere Mautstation und fanden dort eine Unterstellmöglichkeit. Florian fuhr in das nahe Dorf, um Lebensmittel und Wasser zu kaufen, während Chan im Gras hinter dem Mauthäuschen spielte und ich schrieb. Zurück kam Flo mit einem 20 Liter Kanister Trinkwasser, sonst hätte er zehn 1 Liter Flaschen zum dreifachen Preis kaufen müssen. Gerade als alles für die Nacht verstaut war, begann es wieder zu regnen… Früh kamen die Angestellten der Cafeteria, die zur Mautstation gehört und brachten uns Saft für Chan und Schokokekse für uns. Die ersten 10 Kilometer führten erneut bergauf, und nach einer kurzen Bergabfahrt von nur 5 Kilometern wieder bergauf. Oben bot sich der Blick in eine große Senke, mit einem See in der Mitte. Es sah so aus, als wären die letzen 20 Kilometer ein Leichtes. Aber nach nur 5 Kilometern bergab, ging es wieder bergauf, und zwar viel steiler als wir es dem Landschaftsbild nach glauben konnten. Mir kam der Gedanke, das es ein Fehler sei in Richtung Mexikos höchster Berge zu radeln. Wann haben wir uns bloß für diese Route entschieden? Egal, wir erreichten ein kleines Dorf, das auf halben Weg am See lag und fragten nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Man schickte uns zu den heißen Quellen. Es war ein Schwimmbad und wir waren ziemlich frustriert als wir herausfanden, dass wir dort für das Camping bezahlen mussten. Der Angestellte erklärte uns, es kostet 25 Pesos pro Tag für Erwachsene und 15 Pesos für Kinder, die Nacht kostet noch mal 30 Pesos pro Person. Wir versuchten ihm zu erklären, dass wir nur einen Platz für die Nacht brauchten und gar nicht baden gehen wollten. Was, müssen wir bezahlen, wenn wir jetzt um 17 Uhr unser Zelt aufbauen? Seine Antwort war, dass wir vor 19 Uhr beide Gebühren, die für den Tag und für die Nacht bezahlen müssten und wenn wir nicht vor 7 Uhr früh den Platz wieder verlassen würden, käme auch noch die Gebühr für den nächsten Tag dazu. So was nach einem anstrengenden Tag auf dem Rad, ich war echt sauer. Flo hatte etwas mehr Geduld, trotzdem beendeten wir die Diskussion und begannen direkt neben dem Eingang zum Pool unser Abendbrot zuzubereiten. Kurz nach 6 Uhr ging Flo noch mal zu dem Angestellten und diesmal lies er uns für eine Gesamtgebühr von 80 Pesos (5,50 Euro) rein. Nicht gerade billig, aber eine relativ normale Campinggebühr. Die einzige Bedingung war, dass wir vor 9 Uhr früh wieder weg sein mussten.

Das Leben an einer caseta (Mautstation)

Manchmal kamen wir recht zeitig an einer Caseta an und entschlossen uns dennoch zu bleiben, entweder weil es auf der weiteren Strecke keine Übernachtungsmöglichkeiten gab oder weil wir einfach erschöpft und müde vom vielen bergauf fahren waren. Casetas sind der ideale Platz um den extremen Unterschied zwischen Mexikos reicher und armer Bevölkerung zu beobachten. Die Reichen könnten von jedem beliebigen Platz der Industriestaaten stammen, sie würden nirgends auffallen, wenn sie in ihren sauberen, glänzenden Autos vorfahren. Sie machen ein Päuschen, rauchen eine Zigarette, trinken einen Kaffe oder essen eine Kleinigkeit und brausen wieder davon. Die Lkw Fahrer halten um zu schlafen oder zu essen und fahren ebenfalls weiter. All diese Menschen werden sehnsüchtig von ganzen Familien aus den umliegenden Dörfern erwartet. Diese Familien sind ausgerüstet mit einem Fensterkratzer und einer Flasche Seifenwasser. Für einige Pesos reinigen sie die Windschutzscheiben und Scheinwerfer der parkenden Autos. Die Jüngsten sind vielleicht gerade 5 Jahre alt. Manchmal wacht ein Opa über seine Enkel und erteilt ihnen Aufgaben. Andere Familien bauen kleine Imbissbuden auf, aus Pappe und allem Material, was sie irgendwo finden können. Dort bieten sie ihr hausgemachtes Essen an: Maiskolben mit saurer Sahne und Gewürzen, Tacos, Suppen, usw. Andere wiederum, die etwas besser gestellt sind, kommen mit dem eigenen Auto an und verkaufen Honig, Süßigkeiten, Brot oder Kunstgewerbe. Der Strom der vorbeifahrenden Autos nimmt mit der Dunkelheit ab, aber jetzt kommt die Zeit der Trucks. Die lauten Maschinen dröhnen durch die Nacht, nur gegen Morgen, kurz vor Sonnenaufgang herrscht Ruhe. Casetas sind sicher nicht mein Lieblingsplatz, um die Nacht zu verbringen, aber sie scheinen uns sicher, da 24h lang Menschen da sind und es gibt immer Wasser und Snacks zu kaufen. Außerdem ist es immer interessant, die Menschen zu beobachten.

Umgeben von Mexikos höchsten Bergen

Toluca war unser nächster Halt. Glücklicherweise fanden wir ein billiges Hotel, dort blieben wir drei Nächte. Wir benötigten etwas Ruhe, bevor wir uns auf Nebenstrassen in die 3000-4000 Meter hohen Berge wagten. So nah an der Hauptstadt (nur ca. 50 km entfernt), wollten wir die Hauptstrassen meiden. Es gab so viel Verkehr und die Städte hatten keinen Anfang und kein Ende, es schien, als ob es eine einzige riesige Stadt wäre, mit stark und weniger dicht besiedelten Gebieten. Weiter fuhren wir bergan, weg vom Lärm und Gestank in die frische Luft hinauf. Die Aufstieg war harmlos, so dass wir relativ früh unser Tagesziel erreichten, wieder mal verbrachten wir die Nacht auf einer Baustelle am Ende eines Dorfes.  Es war eine schöne Fahrt, durch das was wie eine Hügellandschaft aussah, in Wirklichkeit waren es Gipfel von über 3000m Höhe. Die Dörfer hier waren eher ursprünglich und es gab weniger Autos und Traktoren, stattdessen Pferde und Handwägen. Ein kleines Dorf stach uns besonders ins Auge: die wenigen Häuser, besser gesagt Hütten, waren aus Stoffen, Folie, einigen Holzstücken und Steinen zusammengezimmert. Eine große Meute abgemagerter Hunde rannte vor uns davon. Acht, neun oder waren es gar zehn in Lumpen gehüllte Kinder beobachteten uns durch eine Zaunlücke.

Das Hochplateau, das wir in den letzen Tagen erklommen hatten endete abrupt. Unser Blick wanderte hinab über steile Felsterrassen, auf denen kleine Felder angelegt waren, hin zu den Bergketten am Horizont. Irgendwo hinter diesen Bergen muss der Pazifik liegen… Obwohl es mehr bergab als bergauf ging war der Tag anstrengend. Wir folgten dem Rand des Hochplateaus hinab nach Cuernavaca. Fingergleich schoben sich Hügelketten in das Flachland. Jede Bergabfahrt wurde gefolgt von einem steilen Aufstieg. Entsprechen erschöpft machten wir eher Mittagspause als geplant, anschließend hielten wir fast bis ins Stadtzentrum von Guernavaca die Bremshebel fest umklammert. Auf der üblichen Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit fuhren wir durch die Stadt. Später schlenderten wir über die Plaza auf der Suche nach Essen. Es war Feiertag in Mexiko und in den Strassen herrschte dichtes Menschengedränge, überall waren Stände mit Essen, Kunsthandwerk, Schnitzerein oder Kinderspielzeug. Es war eine ziemliche Herauforderung, mit einem kleinen Kind an all diesen Verlockungen entlang zu spazieren. Während wir uns eine Tasse Kaffe genehmigten, hörten wir den Straßenmusikern zu und genossen ein Klassikkonzert im Cazebocenter.

In den Klauen von Popocatepetl

Aus der Stadt herauszufahren war wie immer sehr stressig, nicht nur mental, sondern auch für Augen, Nase und die Lungen. Wir mussten uns entscheiden, ob wir die Schnellstrasse durch weniger bergiges Gelände Richtung Puebla nehmen oder die Landstasse, nahe am Vulkan Popocatepetl (5465m) entlang. Da wir genug von den Bergen hatten, nahmen wir die Schnellstrasse. So schnell als möglich wollten wir alle Drei den Golf von Mexiko erreichen, besonders Chan freute sich schon auf das Meer. Auf dieser Strasse war der Seitenstreifen aus rotem Schotter und gerade mal so breit wie der Anhänger. Zudem hatten wir zwei Platten am Anhänger, die zu flicken ziemlich gefährlich war, da wir kaum Platz hatten. Ein Lkw schoss vorbei, nur wenige Zentimeter vom Anhänger. Ich hatte genug und sagte Flo, dass wir dann doch lieber die Strecke Richtung Vulkan nehmen, was für eine Wahl hatten wir sonst? Den nächsten Tag hatte ich Krämpfe, nach nur 20 km konnte ich nicht mehr weiter und so blieben wir auf dem teuersten Campingplatz der bisherigen Reise. Wenigstens wurden wir mit der Aussicht auf den schneebedeckten Popocatepetl entschädigt. Chan hatte eine Schaukel und einen Swimmingpool zum Spielen. Der Campingplatzbesitzer gab uns eine Tüte voll Orangen und Avocados.

Den nächsten Tag ging es mir viel besser, das war auch gut so, denn die Strasse führte nach 200 Metern steil bergauf. Nach nur 7 km machten wir gleich im nächsten Dorf eine Pause. Dort riet man uns, die rechte Strasse zu nehmen und wir flogen geradezu ins Tal. Flo war das nicht geheuer und wir fragten noch jemand anderen nach der Richtung. Eine gute Sache in Mexiko, zehn verschiede Menschen geben einem zehn verschiedene Wegbeschreibungen zu einem und demselben Ort. Nur, wenn man eine Beschreibung mindestens zweimal bekommt, kann man davon ausgehen, dass sie in etwa stimmt. Natürlich mussten wir auch in diesem Fall zurück (bergauf) und einem anderen Tal folgen. Auch diese Strecke führte bald bergab und auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht konnten wir die Strasse sehen, wie sie sich wieder bergauf wand.

Unsere Stimmung war ziemlich gedrückt. Wir brauchten den ganzen Tag, um gerade mal 20 km zurückzulegen, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 7km/h. Auch die letzten Meter ging es steil bergauf. Erschöpft fragten wir an einer Tischlerei, die uns empfohlen worden war, ob wir hier übernachten dürften. Zuerst sagten die Arbeiter, dass wir die nächste Stadt in einer guten Stunde erreichen könnten, da die Strecke von nun an recht flach wäre und bald alles asphaltiert wäre. Was bald alles, d.h. Teile der Strasse sind nicht asphaltiert? Eine Sorge mehr für den nächsten Tag. Ich erklärte ihnen, dass wir den ganzen Tag für die Strecke vom vorletzten Dorf bis hierher gebraucht hatten. Mit offenen Mündern hörten sie zu und konnten nicht glauben, was wir erzählten. Mit dem Auto war es doch weniger als eine Stunde. Wir konnten bleiben und Chan hatte seine helle Freude beim Spielen im Sägemehl. Wir bauten eine Rutsche für ein paar Holzrollen, die er gefunden hatte und schauten, wie weit die jedes Mal rollten.

Schnell war der nächste Morgen angebrochen und die Strasse führte weiterhin steil bergauf, so steil dass wir stellenweise die Räder schieben mussten. Und wie gewarnt, endete bald der Asphalt und statt dessen war die Strasse nun mit Flusssteinen gepflastert. Sogar auf leicht abschüssigen Abschnitten konnten wir uns nicht schneller als mit Schrittgeschwindigkeit vorwärtsbewegen. Natürlich ging es die meiste Zeit bergauf, oft musste ich mein Fahrrad abstellen und Flo helfen, den Trailer zu schieben. Allein die Sicht war fantastisch und der Mühen wert, ebenso die Menschen die wir sahen. Manche zu Pferd, andere wiederum zu Fuß, beladen mit schweren Bündeln, einige hatten Ochsen oder Zugpferde für ihre Lasten. Im nächsten Dorf erfuhren wir, dass die Strasse ab jetzt durchgängig asphaltiert sei. Zwei Kilometer lang brausten wir auf neuem Asphalt ins Tal, als dieser plötzlich endete und der Straßenbelag aus grobem Schotter bestand. Florian, der Arme, hatte es doppelt schwer, da er den Anhänger zog. Chan tat uns ebenfalls leid, er wurde in seinem Anhänger mächtig durchgeschüttelt. Aber wir mussten weiter. Bald wurde aus der Schotterstrasse ein Feldweg und ich musste Flo immer wieder schieben helfen. Erstaunlich viele Leute waren auf der Strasse unterwegs und immer wieder wurden wir gefragt: ” Das ist anstrengend, nicht war!?” Meist lächelten wir zurück: “Si, si!” Wahrscheinlich hielten sie uns für komplett verrückt. Viele wollten uns zurück auf die Schnellstrasse schicken, von der wir kamen, aber nun, wo wir es schon so weit geschafft hatten, gab es für uns kein zurück mehr.

Ab der nächsten Ortschaft, war die Strasse endlich wieder asphaltiert. Es gab nur eine Fahrspur, aber es ging bergab! Juhuuuu! Doch die Freude war nicht von langer Dauer, zwar war die Strasse weiterhin asphaltiert, aber sie führte wieder bergauf, entlang eines weiteren Canons. Wir freuten uns schon auf unsere Mittagspause im nächsten Ort, doch am Ortseingang erwartetet uns eine neue Überraschung, die Durchgangsstrasse wurde gerade gebaut, die Umleitung war nur grob gepflastert. Es ging bergab und wieder bergauf, immer schön im Wechsel. Flo war stinksauer und raste in vollem Tempo über das Pflaster, der Trailer tanzte und hüpfte wie wild hinterher. Ich folgte im etwas vorsichtiger, denn an meinem Rad hatte sich bereits ein Lowrider (Halterung fuer die Taschen am Vorderrad) durch das Gerüttel gelockert. Nach einer Weile hielt Flo an, sein Gesicht war blass vor lauter Ärger. Vor uns ging es die steilste Kehre hinauf, die wir je gesehen hatten. Flo sagte Chan, er solle aus dem Anhänger klettern, aber auch Chan hatte die Nase voll und begann zu weinen. Flo nahm mein Rad und schob es hinauf. Ich versuchte Chan zu beruhigen und erklärte ihm, was los ist. Anschließend schoben Flo und ich sein Fahrrad mit dem Hänger hinauf. Chan lief neben uns, müde und verunsichert heulte er lauthals. Auf dem Gipfel angekommen war der Straßenbelag nicht mehr felsig, sondern glatt, fast wie Asphalt. Flo musste sich erst mal wieder erholen, ich kümmerte mich um Chan und wir alle hatten Hunger. Als wir uns alle beruhigt hatten, fuhren wir die letzten Meter zur Plaza hinab und kauften etwas zum Mittagessen. Nach einer ausgedehnten Pause fuhren wir die letzte Etappe des Tages, 15 km in weniger als einer Stunde. Es ging bergab und es war asphaltiert, obwohl es viele Schlaglöcher gab. Aber all das war nichts, gegen die vergangenen zwei Tage. In Atlixco suchten wir uns ein Hotel und pausierten einen Tag.

Gebeamt

Die Strecke bis zum Golf von Mexiko verlief unspektakulär. Wir fuhren 270km in drei Tagen und fühlten uns, als hätte man uns in die Tropen gebeamt. Die eine Nacht noch einpackt in Jacke und Hut, umgeben von 5000m hohen Vulkanen, die nächste schwitzend im Zelt, wo sogar die Zudecke überflüssig war.

Von Puebla an ging es fast nur bergab. Wir fuhren die Schnellstrasse, gut ausgebaut mit ebenfalls gutem Seitenstreifen. Tausende Fahrradfahrer und einige Läufer kamen uns entgegen, gefolgt von Servicefahrzeugen. Sie waren auf Pilgerfahrt zur Jungfrau von Guadeloupe nach Mexiko City.

Wir verbrachten eine laute Nacht im Scheinwerferlicht eines Geschäftes, da der Manager der Mautstation dies als sichersten Platz für uns auserkoren hatte. Steil bergab sausten wir, huiiii durch vier Tunnel hindurch und vorbei an drei Lkws, huii bergab, bergab. Die Luft wurde dicker und schwerer, es war feucht und heiß. Das Gezwitscher der Vögel klang anders, wie aus dem Dschungel und wie Dschungel sah auch die Vegetation um uns aus.

Nun sind wir in Veracruz. Es war schwer ein Hotel zu finden, denn es ist Fasching! Wir werden noch eine weitere Nacht bleiben. Chan spielt gerade vergnügt am Strand mit Flo. Was wir dringend brauchen, ist ein guter Bikeshop. Flo’s Kette ist auf den letzen Metern in die Stadt hinein gerissen.

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