Ein bisschen Karibik (16. Maerz – 8. April)

Posted by on Jul 02 2007 | Deutsch

Karibische Straende

Florian wollte sich etwas am Strand erholen und Chan ebenso. Einem anderen Schweizer Radlerpaar hatte es in Placencia gut gefallen und deshalb entschieden wir uns, ebenfalls dorthin zu fahren. Etwa 40 km nördlich der abgelegenen Ortschaft fanden wir uns auf einer Schotterpiste wieder, unsere erste längere Offroad Erfahrung. Es erforderte viel Konzentration, nicht in eines der vielen Schlaglöcher zu fahren und auf der Waschbrettpiste die Balance zu halten. Der Tachometer zeigte Schneckentempo an.
Am Strand blieben wir drei Tage, schwammen in türkisblauem Wasser, spazierten unter Palmen am Strand entlang und erholten uns. Chan baute Hotels und Flugzeuge aus Sand. Er litt unter Verstopfung wegen der einseitigen Ernährung, die hier fast nur aus Weißmehlbrot, Reis und Nudeln besteht. In den letzten Tagen hatte er jegliches Obst und Gemüse verweigert, einzig in Form eines eiskalten Smoothies sagten diese ihm zu.
Feucht, Heiß und Schmutzig
“Nein, ich glaube, die Fahrräder passen nicht in das Wassertaxi, wisst ihr, die Boote sind einfach zu klein.” Sagte der Mann am Dock. “Aber wir haben mit anderen Kapitänen gesprochen, die sagten, es wäre kein Problem. Sind sie auch Kapitän?” fragte ich. “Nein, ich arbeite nur hier in dem Laden, ihr müsst halt die Kapitäne fragen, das nächste Boot nach Mango Creek läuft in einer halben Stunde aus.” Dann drehte der Mann sich um und verschwand in einer windschiefen Hütte, seinem Laden. Immer mehr Menschen versammelten sich am Dock und dann kam das Wassertaxi an. Der Kapitän warf einen Blick auf die Bikes und meinte: “Kein Problem, aber nehmt alle Taschen runter.” Dann öffnete er eine Luke und stapelte die ganzen Taschen hinein, anschließend half er uns die Räder und den Anhänger auf das Boot zu heben.
Ein kurzer Ausflug durch die Mangrovenwälder brachte uns auf das Festland von Belize zurück.
Auf Asphalt setzten wir unsere Fahrt nach Punta Gorda, dem südlichsten Zipfel von Belize fort. Immer wieder drehte sich Florian um und musterte besorgt den Himmel. Dicke, schwarze Wolken umringten uns. “Beeil dich, fahr schnell zu”, rief ich. Sein ständiges Umdrehen nervet mich, zumal er dadurch wesentlich langsamer fuhr. Nun hielt er ganz an und meintes: “Schnell wirf die Regenplane über den Hänger! Als ich mich daraufhin umdrehte, sah ich eine weiße Regenwand auf uns zu sausen. Ich konnte gerade noch vom Fahrrad springen, die Plane über den Anhänger werfen, als auch schon die ersten schweren Tropfen auf das Plastik klatschten. Nachdem wir die anderen Taschen auf den Fahrrädern mit Regenüberzügen versehen hatten, waren Flo und ich klatschnass. Trotz der Nässe freuten wir uns über die kleine Abkühlung, die unsere nasse Kleidung brachte. Es war wieder ein mörderisch heißer Tag und kurz nachdem der Regen aufgehört hatte, waren wir bereits wieder trocken. Jedoch durchnässte uns kurz darauf bereits der nächste Schauer, nachdem fünften derartigen Wolkenbruch fanden wir das nicht mehr lustig. Heute hatten wir einen Halt in einem Ort geplant, der in unserer Landkarte als einer der größeren Punkte zu erkennen war. Als wir dort eintrafen, stellte sich heraus, dass die Ortschaft aus nur ein paar Palmwedelhäusern bestand. So fuhren wir halt weiter und entdeckten das Hinweisschild für eine Rangerstation in einem der zahlreichen Nationalparks. Dort hielten wir und fragten, natürlich völlig durchweicht, ob wir die Nacht unter dem auf Stelzen gebauten Haus verbringen könnten. Wir durften und hatten kaum die Fahrräder darruntergeschoben als der Himmel wieder seine Schleusen öffnete. Kurz darauf hing sämtliche Kleidung, das nasse Zelt und die nassen Regenüberzüge zum Trocknen unter dem Haus. Wir waren echt froh, so einen schönen, trockenen Platz für die Nacht gefunden zu haben.
Der nächste Morgen begrüßte uns wieder mit Regen. Wir warteten eine Weile, mussten aber die Hoffnung, dass es bald aufhören würde aufgeben und traten, verpackt in Regenkleidung wieder in die Pedale. Nach nur 3 km änderte sich der Straßenbelag in Schotter. Es ist nur für 9 Meilen, dann ist alles wieder Asphalt, wurde uns gesagt. Langsam fuhren wir weiter, aber es gab wenig Verkehr und die Strasse war nicht so schlecht, wie die nach Placencia. In einer Kurve, am Fuß eines Hügels stak ein Bus fest. Die Passagiere waren ausgestiegen und standen herum, der Busfahrer lachte uns an. Die 9 Meilen (15km) kamen uns wie 20 vor, aber auch das hatten wir bald geschafft, natürlich bekamen wir noch ein paar kräftige Regenduschen verpasst. Der Rest war wirklich asphaltiert und leichtes Vorankommen schien uns sicher. Aber jetzt, wo der Regen endgültig aufgehört hatte schien die Sonne mit der ganzen Kraft der Tropen. Bald schon war unsere Kraft und auch unser Wasservorrat am Ende. Als wir endlich in Punta Gorda ankamen waren wir völlig fertig. Bevor wir auf Hotelsuche gehen konnten besorgte ich uns erst mal eine eiskalte “Notfall-Limonade”. Das zweite Hotel war okay und wir wollten schnellstmöglich unter die Dusche hüpfen. Tja, aber zunächst musste das Hotelzimmer erst mal gereinigt werden, das bedeutete, wir standen mit all unserm Gepäck eine halbe Stunde vor der Zimmertür und warteten. Nachdem wir geduscht hatten, durchstreiften wir die Stadt und suchten Informationen über das Boot, was nach Livingstone, Guatemala fährt.
Die Überfahrt
“Flo, das Boot ist ziemlich klein und schau nur wie es auf den großen Wellen hüpft. Wie soll das den Hänger transportieren? “, Sagte ich. “Ach, keine Panik, die machen das doch jeden Tag!”, antwortete Flo. Aber ich machte mir echt Sorgen. Die Wellen waren wirklich ziemlich hoch und ich hatte mir ein größeres Boot für die Fahrt über das offene Wasser nach Guatemala vorgestellt.
Dann wurden die Fahrräder, die Taschen und letztendlich auch der Anhänger verladen. Ich konnte gar nicht zusehen, wie sie den Hänger von dem hohen Dock auf das tanzende und hüpfende Miniboot verluden. Aber sie schafften es tatsächlich. Währen der Verladung unserer Sachen, waren die anderen Leute schon eingestiegen und hatten sich Sitzplätze gesucht, so dass am Ende nur die kleine Bank ganz vorne im Bug des Schiffes für uns übriglieb. Als alle saßen, legte das Boot ab. Der Kapitän gab den Passagieren auf Flos Seite eine schwarze Plastikplane. Diese sollte hochgehalten werden, um die Leute vor Spritzwasser zu schützen. Guter Witz, nach drei Minuten auf See waren wir völlig durchnässt, ganz besonders ich auf der ersten Bank, ohne den Schutz der Plane. Chan hatte Angst und ich ebenso. Eine Reihe hinter uns murmelte eine Frau unentwegt Gebete.  Ich hätte am liebsten laut geschrieen und diese Höllenfahrt gestoppt. Jedes Wellental schleuderte uns zurück auf die harte Sitzbank. Mein Rücken tat weh und ich konnte meine Finger nicht bewegen, so fest hielt ich sie um eine Stange gekrampft. Chan hielt meine andere Hand und seinen Kopf hatte er in Florians Achsel vergraben. Flo blieb entsprechend seiner Natur in solchen Situationen gelassen. Er hielt den Anhänger fest, der uns bei jeder Welle rammte. Plötzlich stoppte die Maschine und das Boot schaukelte auf den Wellen. Es herrschte völlige Stille, sogar die Frau hatte aufgehört zu beten. Der eine Seemann warf dem Kapitän einen fragenden Blick zu. Dieser fummelte mit irgendwelchen Flaschen und am Motor herum. Nach ein paar Sekunden der Furcht, begann dieser wieder zu arbeiten. Zwei Stunden lang wurden wir jede Minute geduscht und alle zwei Sekunden auf die Bank geschleudert. Zwei Stunden lang versuchte ich zumindest im Geiste, diesem Alptraum zu entkommen. Leise sang ich Kinderlieder vor mich hin, sprach in Gedanken zu meinem Vater und zu Freunden, erinnerte mich ihrer beruhigenden Worte. Was für eine Erleichterung, als ich endlich Land erblickte. Zumindest können wir  jetzt an Land schwimmen, dachte ich. Aber wir erreichten Livingstone und niemand war über Bord gegangen, auch unser Gepäck war vollständig vorhanden.

Auf dem Dock beluden wir die Fahrräder nicht gleich, sondern Chan und ich bewachten unsere Sachen, während Flo zur Einwanderungsbehörde ging. Dann organisierten wir eine weitere Bootsfahrt auf dem Rio Dulce, jawohl eine weiter Bootsfahrt. Chan war immer noch dafür, als wir ihn fragten und erklärten, dass es auf dem Fluss keine Wellen geben würde. Nach einer Pause und einem Picknick luden wir unser ganzen Zeug auf ein weiteres Boot.
Für diese Überfahrt hatten wir ein Boot für uns allein gemietet. Das öffentliche Fährboot legte erst am Nachmittag ab und es war nicht möglich einen Platz zu reservieren. So war es zwar etwas teurer aber dafür mussten wir nicht stundenlang in er Sonne sitzen und warten. Wir waren voller Vorfreude auf Casa Perico, ein Jungelhotel direkt am Fluss, dessen Besitzer drei Schweizer sind. Es wurde uns berichtet, dass es ein schöner, friedlicher Platz zum Ausruhen wäre.
Und genau das taten wir, neben den üblichen Wartungs- und Reinigungsarbeiten. Der Anhänger war von der Überfahrt etwas verformt, wie sich bei der Inspektion herausstellte. Nebenbei fuhren wir Kanu und lasen Bücher in der Hängematte.

Folgen der Überfahrt
Am zweiten Tag in Guatemala bekam Flo Durchfall, am nächsten Tag war ich dran. Guatemala schien uns um einige Grad heißer als Belize. Wir fuhren nur am Morgen von 7-11 Uhr, es folgten ausgedehnte Ruhepausen im Schatten und den Nachmittag verbrachten wir meist schlafend unterm Ventilator im Hotelzimmer. Erst am Abend standen wir auf, um uns etwas zu Essen zu kochen.
Es war die semana santa (Osterwoche) und die meisten Geschäfte waren geschlossen. Wir benötigten wenigstens Bananen um den Durchfall zu stoppen, aber alles was wir erstanden war pappiges Weißbrot. Momentan hatten wir sehr wenig Lebensmittel bei uns, wegen der hohen Temperaturen war es kaum möglich Früchte und Gemüse mitzuführen. Die meisten der kleinen Restaurants hatten nur Fleischgerichte auf ihren Karten, so lebten wir fast ausschließlich von Crackern und Weißbrot, lediglich an den Straßenständen konnten wir Mangos und Kokosnüssen kaufen. Am Abend kochten wir die Letzten Nudelreste mit Tomatenpaste oder Reis mit Brühe. Es dauerte fünf Tage, bis sich unser Verdauungssystem wieder beruhigt hatte.  Inzwischen waren wir bereits hinter dem Rio Hondo und hatten ein Dinosauriermuseum in Estanzuela besucht. Dort gab es zwei Dinosaurierskelette und ein Grauwalskelett zu sehen. “Mama, schau mal, diese Knochen sind gar nicht friedlich!” erklärte Chan. Ich sagte; “Ja, die sehen etwas gruselig aus, aber weist du, die leben nicht mehr. Sie brauchen einen Körper, um zu leben. Unter deiner Haut hast du auch Knochen und ein Skelett. Guck, das sind die Beine vom Dinosaurier, kannst du deine Beine fühlen? Da ist etwas hartes unter der Haut, richtig? Das sind die Knochen.” In dieser Art unterhielten wir uns über sämtliche verschiedene Knochen, die wir am Dinosaurierskelett sahen und versuchten die dazugehörigen an unserem Körper zu finden. Eine ganze Stunde bleiben wir in dem kleinen Museum.
Von Chiquimuls führte die Strasse in die Berge, einige Kilometer lang gab es Steigungen von mindestens 15% bis 20%!
An unserem letzten Morgen in Guatemala waren wir früh um 7 zur Abfahrt bereit, aber irgendetwas stimmte nicht mit Flos Bike. Die Uebersetzung war viel zu nah an den Speichen. Irgendwie war der Rahmen, wo sie befestigt ist verbogen. Es brauchte eine ganze Weile, bis wir das herausgefunden hatten. Dieser Schaden musste ebenfalls während der Überfahrt passiert sein. Wir konnten nur nicht verstehen, warum wir das nicht eher bemerkt hatten. Nachdem wir eine Stunde herumgebastelt hatten, meinte Flo, wir könnten es versuchen, zu fahren. Wir fuhren durch traumhafte Täler, die Hügel waren mit Kiefern bedeckt, die auf roter Erde wuchsen. Aber die Strasse führte fast nur bergauf in Richtung  Honduras.

Auf einem der Hügel machte Flos Bike plötzlich klack, klack, klack. Dann konnte er es nicht mehr bewegen. Er fing an zu fluchen und als wir einen Blick auf sein Hinterrad warfen, sahen wir das die Uebersetzung total verbogen in den Speichen steckte. Flo nahm die Kette ab und entfernte die Uebersetzung aus den Speichen, dann schob er sein Fahrrad bergan und parkte es neben meinem. Wir holten Chan aus dem Anhänger, der sich sofort daran machte, das Gras mit einem Stock zu mähen. Dann nahmen wir das Gepäck von Flos Rad und er baute das Hinterrad aus. Das Teil, mit dem die Uebersetzung  mit dem Rahmen verbunden war, war total verbogen. Neben uns hielt ein Moped und ein freundlicher Guatemalteke fragte, ob wir Hilfe bräuchten. Einen Kilometer weiter bergauf gäbe es einen Mechaniker, meinte er.  Einige hundert Meter weiter waren Straßenarbeiter zu gang, Flo fragte, ob sie ihm einen Hammer borgen könnten. Zwei von ihnen kamen gleich mit, um sich das Fahrrad anzusehen. Die drei hämmerten auf Flos Bike ein und schafften es den Rahmen soweit zurechtzubiegen, dass die Uebersetzung wieder arbeiten konnte. Nun konnte Flo sein Rad zwar wieder fahren, aber er konnte nicht in die untersten Gänge schalten. Bei diesem Gelände bedeutete das, dass ich den Anhänger ziehen musste.
Ich schaffte es gerade bis nach El Florido, 3km weiter an der honduranischen Grenze, aber nur weil Flo mir half, das Rad bergauf zu schieben. Dort machten wir Mittagspause, wechselten unser Geld und verhandelten mit der Einwanderungsbehörde, bevor wir die letzten 12km zu den Ruinen von Copan zurücklegten.
Gleich nach der Grenze ging es wieder bergauf. Nach nur einem Kilometer kamen mir die Tränen. Ich schaffte es einfach nicht. Meine Beine taten so weh, ich hatte einfach nicht die Kraft, den schweren Hänger zu ziehen. Ich weiss nicht, wie Flo das schafft, bei ihm sieht das so leicht aus, aber es ist so schwer. Also wartete ich und Flo fuhr ein Stück bergauf, rannte zurück und half mir das Rad samt Hänger hochzuschieben. Stück für Stück kamen wir voran. Einmal lief Chan nebenher und sagte: “Mama, komm ich helfe dir schieben!” Es war zum Glück der letzte Berg, nun ging es kurvenreich bergab zu den Ruinen von Copan, wo wir gerade sind und Spanischunterricht nehmen.

1 comment for now

One Response to “Ein bisschen Karibik (16. Maerz – 8. April)”

  1. Merle and Linda

    Florian, Rebekka, and Chan,

    I’m loving your adventures. Keep ‘em coming. Your stamina humbles me.

    Merle

    21 Jul 2007 at 7:21 pm

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